berge und häfen   



alte und neue gedanken zu einem schauspiel am gletscher




als ich einst in sizilien an einer der säulen eines zerstörten griechischen tempels in agrigento lehnte, dachte ich: welch unendliche mühe die karthager doch aufgewendet hatten, diese steinernen monster zu bezwingen.


maghreb


säulen fallen nicht von selber um - bei den göttern!
 nun haben sich die menschen erneut aufgelehnt und ganze regime gestürzt: die fallen nicht von selber um. ich würde mir sehr wünschen, dass rund um das mittelmeer wieder die karthagische sicht der welt einkehrte: eine welt der häfen, des austausches und gegenseitigen nutzens, anstatt einer römischen sicht der territorialen imperien. die welt des offenen meeres gegen jene des limes. von sizilien aus erahnt man an manchen tagen tunis - und umgekehrt.


respekt

wo kopiert wird, muss automatisch evolution stattfinden. unzählige anpassungen schöpfen in ihrer vielfalt und genialität seit jahrmillionen die schönheit der berge. hannibal muss ebenso als ein produkt der evolution gesehen werden. tausende anpassungen machen das stück für diesen alpinen raum geeignet. die tiere, die pistenbullies, die götter, die flieger, die geschichte, der tanz, all das stellt sich den hochalpinen bedingungen und wird durch sie geformt, genauso wie die landschaft selbst, deren bewirtschaftung, die bergsteigerei und der tourismus. unser gletscherschauspiel verneigt sich vor der großartigen landschaft und will von ihr lernen, anstatt sie ohne ästhetisches gespür zu zersägen.


landschaft und leidenschaft


landschaft ist in jedem fall eine schöpfung – ob von der natur, oder von göttern, oder von menschen – und vedient großen respekt. genauso verdient aber das kunstgeschöpf hannibal respekt, da es nach denselben mustern entstanden ist. die skulptur landschaft, das tier maschine und die form gletscherschauspiel leben hier in eintracht.


zehntausende besucher sind der multiplikator einer spektakulären show, die als direktes erlebnis der sinne konzipiert ist und in einer landschaft spielt, die wir in ihrer form möglichst unberührt zeigen möchten. tagsüber schauen die tausenden skifahrer kaum über ihre skispitzen hinaus. an diesem abend jedoch, wenn die unendliche ruhe der berge von den flanken herabrinnt und den platz flutet, schauen tausende augen gespannt hinauf zu den bizarren formen aus eis und schnee. in einer welt der medienbilder besitzt dieses naturschauspiel eine zukunftsweisende komponente, die dem verlust von landschaft entgegenwirkt. ein wohldurchdachtes abenteuer, das vollkommen analog in echtzeit abläuft und in einer landschaft spielt.




ein alter brauch



nutzlos und doch sinnvoll: was gut ist und was schlecht können wir fast ausschließlich durch unsere kultur entscheiden. wir können zum beispiel ganz schwer sagen, was ein guter brauch ist und was nicht. hannibal ist nach einem jahrzent schon fast ein brauch. ob er gut ist, da gehen die geister immer noch auseinander, aber das ist beim prangerschießen und beim apperschnalzen, beim maibaumaufstellen und almabtrieb nicht anders. immer aber ist eines entscheidend: ein guter brauch ist ganz fundamental nutzlos! er lässt sich nicht fragen: was bringt das? wenn alle im tal etwas unverwechselbares tun, kann vermutet werden, es handle sich um einen brauch. hannibal hat das zeug dazu. unser tun ist eben von sinn erfüllt!




hubert lepka

(regisseur)