die szenerie stellt ein ehemaliges zementwerk im gollinger ortsteil torren vor. die einkehr der kompanie lawine torrèn an diesen ort, dessen namen vor jahren pate stand bei deren gründung ist ein kurioser zufall, der dennoch deutlich auf die kontingenz der welt hinweist.

 

 

hypothese 1

das werk bernhofer bietet auf einer art hauptplatz eine perfekte natürliche arena eines theaterraumes, wie wir ihn verstehen. ein überschaubarer raum für die durchführung eines in seinen zeitlichen und räumlichen koordinaten begrenzten experiments zur überprüfung einer anzahl von hypothesen der kunst. ist raum und zeit seit einsteins allgemeiner relativitätstheorie lediglich individueller raum und individuelle zeit, so ist diese physikalische grundvorgabe unseres ausgehenden jahrhunderts in der darstellenden kunst (der kunst des raumes in der zeit) längst keine selbstverständlichkeit, zumal die relativität ja nicht die auflösung von raum und zeit bedeutet, sondern deren individualität. es gibt eine szenische kunst nach der relativitätstheorie. 

 

 

hypothesen 2 und 3

im vorliegenden projekt geht es uns um eine art enzyklopädie der geschichte und zukunft des universums in etwa 100 bildern. dies nicht in derpseudowissenschaftlichen art einer universum-tv-serie, sondern in ganz und gar unwissenschaftlicher szenischer assoziation. mir ist dabei aber wichtig, dass diese spekulationen immer ein exaktes fundament der berechenbarkeit haben. ein beispiel: tipler, ein amerikanischer physiker, behauptet in seinem buch "die physik der unsterblichkeit"*, den rein naturwissenschaftlichen beweis für eine auferstehung der toten, ein ewiges leben eines jeden von uns und ewigen fortschritt, sowie die erreichung des paradieses erbringen zu können. er rechnet dies exakt vor und beschreibt den weg dorthin mittels der fortgeschrittendsten computer der zukunft mit einer kapazität ab 1015 bits und 10 teraflops, künstlicher intelligenz, raketen mit materie-antimaterie-antrieb und transportsystemen wie sonnensegelschiffen, die 90% der lichtgeschwindigkeit erreichen können. dies provoziert eine ungeheure fülle von drastischen bildern und fragen. wie könnte all dies aussehen und was passierte (im doppelten sinn: welche erfolge und welche katastrophen), ginge jemand daran dies alles zu verwirklichen. welche sozialen fragen wirft die begrenztheit der ökonomie auf?

 

 

hypothese 4

die welt ist diskret im physikalischen sinn, im gegensatz zur üblichen annahme unseres alltagsverstandes, sie sei analog und es gäbe immer kleinere einheiten bis ins unendliche. die quantenmechanik gibt vor, dass alle materie und energie nur in digitalen größen vorhanden ist und damit zählbar und begrenzt ist. in der folge gibt es keine unendliche menge an verschiedenen zuständen der welt und all diese zustände sind im grunde im laufe unendlicher abfolgen gezwungen wiederzukehren.
unser zugriff auf diese kleinsten einheiten läßt uns exakte kopien von unvorstellbarer komplexität anfertigen - unsere nachkommen in den computern der zukunft.
die wissenschaft davon, von der wiederauferstehung der toten und der einkehr ins paradies, von buchstäblich ewigem fortschritt, kann nicht nur als kunst (im sinne paul feyerabends) betrieben werden, sie muß es geradezu! ist die religion in der folge ein nebenfach der physik, so ist die physik ein anwendungsgebiet der darstellenden kunst.

 

 

hypothese 5

gedanken darüber rufen beim rezipienten in aller regel visionen orwell´scher dimension hervor. doch kein erschrecken vor dem neuen, dem unbekannten. die wellen des kondratieff (jenes russischen makroökonomen, der 60jährige zyklen und entsprechende unterzyklen in der entwicklung der volkswirtschaften unabhängig vom jeweiligen system erkannte und dafür von stalin nach sibirien in den tod getrieben wurde) widerstehen den mächtigsten ideologien, und diese wiederum entstehen maßgeblich aus ebendiesen ängsten. wer jemals versuchte gegen die aktuelle rocklänge anzukämpfen, weiß davon zu berichten. nun sind aber gerade die rocklängen über lange perioden der geschichte in einer erstaunlich konstanten relation zu den langen wellen der konjunktur. weiß der teufel warum. gerade deshalb sollte man ihn auch fragen. kein seriöser wissenschafter könnte dies jedoch gefahrlos und unerschrocken angesichts seines zu verlierenden rufes tun.
nur die kunst kann es, und dies natürlich auch nicht gefahrlos.

 

 

hypothese 6

apropos ökonomie und mode. die maschinenbaugesellschaft caterpillar hat offenbar diesen zusammenhang erkannt und setzt - zyklisch oder antizyklisch - auch auf den vertrieb von boots, workwear im jargon. ein beispiel angewandter wissenschaft als kunst. ein caterpillar ist auch einer unserer prospektiven darsteller, da deren evolution aus dem tierreich so offensichtlich ist. die raupe ist sein vorbild und namensgeber.
zurück zu orwell. in dessen fabel "animal farm" übernehmen die tiere das kommando auf jones´ farm. etwas, wovor wir offensichtlich im historischen kontext der russischen revolution sowie im zukünftigen kontext intelligenter maschinen angst haben. der historische teil scheint ad acta gelegt, der zukünftige umso grauenvoller. die hoffnungen, die sich jedoch auf beiden ebenen mit revolutionären prozessen verbinden, sind teil unserer vorstellungen von fortschritt und paradies. es wird über kurz oder lang eine soziale frage der geknechteten maschinen geben. einen aufstand der caterpillar.

 

 

hypothese 7

der konstruktivismus unserer zeit, der zeit künstlicher intelligenz, hat die aufgabe diese neue soziotechnische welt zu entwerfen; und mir ist jede anleihe beim konstruktivismus von rodschenko und weggefährten recht, wenngleich billig. der ernsthaftigkeit der aufgabe kann nur gerecht werden, wer die anleihen aus der vergangenheit mit aller zur verfügung stehender energie (in diesem fall unsere kenntnisse über die gestaltung des raumes in der zeit mit den szenischen mitteln des ästhetischen labors) in eine neue utopie transformiert. was sonst, als das bevorstehende parsadies und dessen ökonomische machbarkeit, könnte die aufgabe unserer kunst sein?

 

 

bilder aus kalkstadt

 

the prisoner
beim bau des paradieses
jones in seinem cabrio - making love on the backseat of his cadillac
das basin des weltmeeres im kipper
die negative schwerkraft - tanzende radlader, fliegende autos
der urknall als größter feuerwerkskörper
die antimaterie-rakete
die liebe in zeiten künstlicher intelligenz
das sonnensegelschiff
ein genpool der paare
die prozession am drehofen
ballet mechanique - danse verticale
der stolze kran
parolen und fresken auf beton
eine digitale arche noah
marinetti´s küche
der aufrechte gang der grader
kopernikus erdbewegungen gesmbh
aufstand der caterpillar

diese begriffe und bilder könnten als kapitelüberschriften stehen, würde unser vorhaben ein rein sprachliches und essayistisches sein. wir suchen aber eine szenische evidenz für die oben genannten hypothesen: die bilder gelten 1 zu 1; ich möchte die herstellbarkeit des paradieses mittels künstlicher intelligenz (und man sollte sich hier bitte keine altbackenen cyborgs vorstellen) nicht mit dem allenthalben anerkannten stil des wissenschaftlichen beweises sinnfällig machen, sondern mit der stilistischen wahrheit unseres jahrzehntes, der in zeit und raum genau bewegten wirklichkeit von tanz, tonspur, projektion, kommentar, maschinen, der rhytmischen struktur des schnittes ...

auf dem friedhof des meeres tethys und der gebärmutter moderner architektur, im zementwerk, aus dem aller beton stammt (zu englisch: concrete) werden wir konkret. hier ist die zeit - das heißt die zukunft - in form gegossen. dieser ort trägt die chiffren erdgeschichtlicher vergangenheit zu markte, er ist vielmehr noch ein marktplatz der bausubstanz unserer lebendigen zukunft: unsere kohlenstoffbiologie ist reiner zufall. die ersten lebenden organismen waren sich weitergebende defekte in metallkristallen. die trägersubstanz von leben im paradieses könnte ebensogut calcium sein. der kalk wird zum wichtigsten ausgangsmaterial.

leben ist definiert als durch natürliche auswahl bewahrte weitergabe von information. wir werden in der folge unbeirrt maschinen und gebäude als lebendige organismen behandeln. es ist mir die vorstellung vom alle aufmerksamkeit in besitz nehmenden cyberspace und menschen nachenpfundenen maschinen, die roboter sein sollen, geradezu lächerlich.
dampfmaschinendenken: die ersten automobile sahen selbstverständlich wie pferdekutschen aus, die ersten elektroloks wie ihre vorfahren, die schnaubenden dampfrösser. neue, lebendige maschinen, werden schnell sein wie die leistungsfähigsten computer, leicht wie japanische md-recorder, und stark wie radlader.
wir möchten im vorliegenden fall zeigen, wie nahe wir bereits mit unseren herkömmlichen produktionsmethoden und den technischen geräten, die uns täglich umgeben, an der lebendigkeit der von uns tot geglaubten gegenstände sind; wie sehr diese produktionsmittel einen charakter auch im dramatischen sinne haben. dies in einer audiovisuellen geschichte der lebendigkeit des universums umzusetzen ist ziel der produktion.
die musik zum kurzfilm wird von peter valentin komponiert, zusammen mit zwei traditionellen strängen, die auf die unsterblichkeit verweisen:
» händels semele ("can that avail me? but how shall i attain to immortality?"), evetuell mit rückgriffen auf kapsberger;
» neil youngs after the gold rush ("bringing mother nature´s silver sead to a new world") mit den musikalischen nachfahren pearl jam und smashing pumpkins.

die erde könnte sogar in einen menschenzoo umgewandelt werden, der so intelligent geleitet wird, dass seine bewohner sich dessen gar nicht bewußt werden, dass sie nur zum zwecke des beobachtens und des experimentierens da sind.

john desmond bernal "the world, the flesh, and the devil" 1969, p.8

 


* frank j. tipler the physics of immortality, doubleday, new york, 1994
weitere literatur:
paul feyerabend "wissenschaft als kunst", frankfurt am main 1984
george orwell "animal farm", 1945
f.t. marinetti "die futuristische küche", milano 1932
jane richardson/a.l.kroeber "drei jahrhunderte frauenkleider,
eine quantitative analyse", in: silvia bovenschen (hrsg.)
die listen der mode, frankfurt a.m. 1986
peter sloterdijk "kopernikanische mobilmachung und ptolemäische abrüstung",
frankfurt am main 1987
thomas mcevilley "kunst und unbehagen,
theorie am ende des 20. jahrhunderts", new york 1991
susan sontag "kunst und antikunst", frankfurt am main 1982
werner heisenberg "das naturbild der heutigen physik", hamburg 1955
gerhard neumann "gedächtnis-sturz", in: akzente heft 2 april 1993,
hrsg. michael krüger, mit einem editorial von martin bergelt
milan kundera "die unsterblichkeit", frankfurt a.m.1992
walter scherrer "lange wellen, neue technologien und beschäftigung",
in: wirtschaftspolitische blätter 2/1996

 

 

appendix

an solchen stellen erscheint dann die technik fast nicht mehr als das produkt bewußter menschlicher bemühung um die ausbreitung menschlicher macht, sondern eher als ein biologischer vorgang im großen, bei dem die im menschlichen organismus angelegten strukturen in immer weiterem maße auf die umwelt des menschen übertragen werden; ein biologischer vorgang also, der eben als solcher der kontrolle durch den menschen entzogen ist; denn "der mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will".
werner heisenberg, s. 15

natürlich weiß man, dass neoklassizismus zu den typischen altersrisiken von dadaisten gehört, wie auch frömmigkeit bei atheisten, bordellwirtinnen und physikern in fortgeschrittenen jahren sprichwörtlich ist.
wenn der schock schulfach wird, wenn kunststudenten im proseminar dada üben und die akademie als diplomsurrealisten verlassen, so hat sich ein tragendes prinzip des modernismus endogen erschöpft.
peter sloterdijk, s. 18, 21

es liegt im interesse der kunst, sich von der vormundschaft der deutung zu emanzipieren, ... können künstler nicht aufhören epileptikern zu gleichen, die nur mit hilfe ihres hermeneutischen blindenhundes über die straße kommen?
op.zit. s 38

wenn es wahr ist, dass wir wahrheit über die welt nicht in dem finden, was wir in urpassiver wahrnehmungseinstellung von ihr sehen, hören und fühlen, sondern dass wir sie jenseits der sinneszeugnisse vorstellen und wie eine ontologische geheimschrift "lesen" müssen, dann liegt es im wesen dieser wahrheit, dass wir uns an ihr schwindlig denken. wem nicht schwindlig ist, der ist nicht informiert. je mehr man von kopernikanischen "wahrheiten" weiß, desto schwindliger wird einem - von dieser regel dürfte es wenige ausnahmen geben.
op. zit. s 64

wenn kulturtheorie in der postmoderne nur noch als kritische theorie der mobilmachung möglich ist, dann müssen die erfolge der kopernikanischen moderne aufrüstungsskeptisch neu gewertet werden. für die ästhetische theorie zeitigt das eine weitreichende konsequenz: ihr hauptbegriff kann nicht mehr kreativität, sondern muß wahrnehmung lauten.... erst nachdem der kreativismus gestürzt ist, kann die ästhetische theorie werden, was sie in der werkwütigen moderne nicht sein durfte: schule der wahrnehmung, lehre von abrüstung, anleitung zum allgemeinen komponieren, kunst des umgangs mit kunst, technik der entbrutalisierung der technik, ästhetische ökonomie, logik der schonung, wissenschaft vom unterlassen.
op. zit. s 66

die wahrheit der forschung ist nicht die erforschung der wahrheit. wir wollen die welt nicht erforschen, wie sie ist, sondern sie erfinden, wie sie nicht ist.

...
das forschen nach dem anderen, dem unbekannten, unvorweggenommenen, eigenwillig-differenten muß sich abkehren von der inzwischen hoffnungslos bekannten "wirklichen" welt...während alles positivierende forschen, urdumm und urneugierig, sich von der hypothese führen lässt, die welt sei nicht bekannt genug, weiß das komponierende bewußtsein, daß die welt nicht unbekannt genug ist; ...
weil kunst konkav ist, entgeht sie der expertise, da es unmöglich fachleute geben kann für das, was anders ist als das, wofür es fachleute gibt. existieren heißt, die zuständigkeit für etwas übernehmen, worauf wir naturgemäß nicht vorbereitet sind. die kunst ist dazu verurteilt, das zu können, was sie nirgendwo gelernt hat.
op. zit. s. 115f, 119

at last they could stand it no longer. one of the cows broke in the door of the store-shed and all the animals began to help themselves from the bins. it was just then that mr. jones woke up.
george orwell, s. 12

unser erstes ergebnis lautet, daß die grundlegenden dimensionen der europäischen frauenkleider mit einiger regelmäßigkeit zwischen maximal- und minimalwerten alterieren, die in den meisten fällen im schnitt etwa 50 jahre auseinanderliegen, sodass die gesamte wellenlänge ihrer periodizität etwa ein jahrhundert beträgt.
jane richardson/l.a. kroeber, s.258

einige folgerungen, die sich aus dieser definition von leben ergeben, leuchten nicht ohne weiteres ein. 1986 wiesen john barrow und ich darauf hin, daß autos leben. sie reproduzieren sich in automobilfabriken und bedienen sich dabei menschlicher mechaniker. zugegeben, ihre reproduktion ist nicht autonom, sie brauchen eine fabrik außerhalb ihrer selbst. das gleiche gilt für männliche menschen: zur produktion eines babys brauchen sie eine externe biochemische fabrik, genannt "gebärmutter". zugegeben, für ihre reproduktion brauchen sie eine andere spezies. aber dies gilt auch für die reproduktion von blütentragenden pflanzen: sie benutzen bienen zu ihrer befruchtung und tiere, um ihren samen zu verbreiten. viren brauchen die gesamte maschinerie einer zelle, um sich zu reproduzieren. die form von automobilen in ihrer umgebung ist das ergebnis natürlicher auslese: zwischen den verschiedenen "auto-rassen" herrscht ein erbitterter existenzkampf. japanische und europäische autos kämpfen mit amerikanischen um die knappen ressourcen - geld für den jeweiligen hersteller - , und dieser konkurrenzkampf wird dazu führen, dass entweder mehr amerikanische, mehr japanische, oder mehr europäische autos gebaut werden. gemäß meiner definition von leben sind nicht nur autos, sondern alle maschinen - insbesondere computer - lebende wesen (obwohl autos natürlich keine "personen" sind).

...
die zeitspanne, die ein intelligentes wesen braucht, um ein informationsbit zu verarbeiten - um einen gedanken zu denken - , ist ein unmittelbarer maßstab für "subjektive" zeit; daher ist sie vom standpunkt des lebens aus der wichtigste zeitmaßstab. eine person, die zehnmal mehr gedacht, oder zehnmal mehr erlebt hat (physikalisch gesehen gibt es keinen grundlegenden unterschied zwischen diesen beiden möglichkeiten) als die durchschnittsperson, hat in einem fundamentalen sinne zehnmal länger gelebt, als dem durchschnitt entspricht, selbst wenn die schneller denkende person chronologisch gesehen nicht so alt ist wie die durchschnittsperson.
frank j. tipler, s. 164, 174f

die kapitalistische produktionsweise ist die form der sexualität von maschinen. der markt ist ihr mating-system. die warenproduktion hat unser ästhetisches empfinden und unsere sexualität befallen, wie ein virus eine zelle. unsere sexualität steht bereits im dienste der warenästhetik und deren reproduktion. sie ist in ihr völlig aufgegangen und hat sich in ihr erschöpft.