neun jahre für hannibal

 

seit neun jahren! und jedes jahr! und immer bin ich zu spät dran, wenn ernst lorenzi mich bittet, ein vorwort für hannibal zu schreiben.

und jedes jahr gibt es einen neuen aspekt, der mir an dem stück noch spannender erscheint als jener, über den ich letztes jahr geschrieben hatte.

nach dem neunten jahr ist dies erstaunlicherweise immer noch so: ein neuer gedanke kommt hinzu.

das gletscherschauspiel hat, weil es distanziert und engagiert zugleich ist, weil es eine dokumentation und zugleich ein phantastisches live-kino ist, keine fixe botschaft. es erzählt eine geschichte, die wahrhaftig ist und uns nach über 2000 jahren uneingeschränkt berührt.

 

am anfang hatte mich fasziniert, dass in diesem konflikt zwischen rom und karthago entschieden worden sei, dass wir alle hier in europa in einer römischen kultur aufgewachsen sind. das wesen europas ist das römische. wie, wenn es anders gekommen wäre, wenn karthago gewonnen hätte. stünden wir dann in einer afrikanischen tradition, wäre europa dann afrikanisch?

 

im jänner dieses jahres brach ein kleines hannibal-team auf nach karthago. karthago in tunesien, dort wo heute tunis liegt. ich war dabei. in afrika wollten wir in einem versuch von performativer archäologie den kulturellen spuren hannibals ein rätsel entlocken. tunesien ist natürlich ein arabisches land und sohin europa zum teil fremd. in der betrachtung ihrer eigenen vergangenheit hingegen (und damit: ihrer eigenen zukunft) taucht hannibal dort überall auf. da spielt das schicksal der karthager, der punier, oder phönizier, oder wie immer diese kulur von den anderen genannt wurde, eine eminente rolle. da taucht sie auf, die vision eines europa, das nicht über die zusammenhängende landmasse bis zum ural definiert ist, sondern durch das einigende meer.

 

denn das macht das phönizische aus: nicht das land definiert den einflussbereich, sondern des schiffbare meer, die handelswege, die häfen.so betrachtet ist das phönizische in unserer welt mehr denn je zuhause. wir definieren uns nicht über die felder, sondern über die häfen (für flieger wie schiffe), über die märkte, die lingua franca, über die netzwerke, über unsere web-perspektive, über google earth, über wiki.wir leben in einer zutiefst phönizischen kultur des meeres und des handels. dies ist die lösung des römisch-punischen konfliktes: europa wird weder römisch noch afrikanisch, es ist phönizisch. entscheidend ist das netz der häfen.

 

eine hoffnung für afrika und: ich habe selten so guten wein, so schmackhafte oliven, so duftende orangen genossen, wie aus dem hinterland karthagos, der ehemaligen kornkammer roms.

 

hubert lepka

(regisseur, lawine torrèn)